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Deutsches Kulturerbe im Südkaukasus

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Konferenz in Tbilisi und Bolnisi anlässlich der Ankunft der ersten deutschen Siedler vor 200 Jahren (von Professor Oliver Reisner, Tbilisi)

Vom 14. bis 16. Dezember 2017 hat das Georgische Nationalmuseum (GNM) mit Unterstützung der UNESCO zum Abschluss des “Deutsch-Georgischen Jahres” zur internationalen Konferenz “Gemeinsames Erbe für kulturellen Dialog und Entwicklung aus Anlass des 200. Jubiläums der Ankunft der ersten deutschen Siedler im Südkaukasus“ nach Tbilisi und Bolnisi, dem ehemaligen Katharinenfeld eingeladen. Die Veranstaltung ist auch jenseits der Wissenschaft auf breites Interesse gestoßen. So folgten auf die Eröffnung durch Prof. David Lordkipanidze (Generaldirektor des GNM) Grußworte von Frau Ketevan Kandelaki (Generalsekretärin der Nationalen UNESCO-Kommission Georgiens), Dr. Heike Peitsch (Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Georgien) und Frau Barbara von Münchhausen (Leiterin des Goethe Instituts in Georgien).

Die Konferenz wurde von Frau Prof. Dr. Eva-Maria Auch vom Lehrstuhl für Geschichte Aserbaidschans an der Humboldt Universität zu Berlin eröffnet. Mit ihrem Vortrag eröffnete sie gleichzeitig die Ausstellung “Entgrenzung: Deutsche auf Heimatsuche zwischen Württemberg und Kaukasien“, die vom Auswärtigen Amt gefördert wird. Sie thematisierte unter anderem die Ursachen der Auswanderung aus Württemberg in den Jahren 1817/1818, die zaristische Politik ihrer Ansiedlung bis 1819 in acht Kolonien, den Aufbau von Siedlungsstrukturen im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens, das gesellschaftliche, religiöse und ökonomische Leben in den Mutter- und zahlreichen Tochterkolonien, das städtische Leben und Unternehmertum in Tiflis und Baku, die Veränderungen durch den Ersten Weltkrieg, Bürgerkrieg und Revolutionen, die Sowjetisierung und ihre Auswirkungen auf Gemeinschaft und Wirtschaft unter ländlichen und städtischen Deutschen, die Verfolgung und Deportation nach Kasachstan und Sibirien unter Stalin und Deportation sowie ihre Folgen bis in die Gegenwart. Eine gemeinsame Erinnerungskultur kann im Rahmen der Östlichen Partnerschaft einen Beitrag zu einer in mehrfacher Hinsicht »entgrenzten« Verständigung zwischen den Menschen aus der Europäischen Union, besonders denen aus Deutschland, und den Bürgern Südkaukasiens leisten, schloss Frau Prof. Auch. Nachdem die Wanderausstellung am 20. Februar 2017 in Berlin eröffnet und bereits in Baku gezeigt wurde, war nun Tbilisi an der Reihe. Für 2018 sind weitere Orte in Deutschland, Aserbaidschan, Georgien und der Ukraine vorgesehen. Zur Ausstellung gibt es auch den Katalog „Entgrenzung: Deutsche auf Heimatsuche zwischen Württemberg und Kaukasien (Potsdamer Bibliothek östliches Europa - Geschichte) von Eva-Maria Auch und? Manfred Nawroth. Zugleich arbeitet Frau Auch an einer Monographie über „Deutsche Spuren zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer“.

Frau Ariane Afsari vom Mitveranstalter, dem „Deutschen Kulturforum östliches Europa“ gab dann einen rahmenden Überblick zu den “Deutsch-sprechenden Siedlern zwischen Ostsee und Kaspischem Meer”, welche die Vielfalt der deutschen Verflechtungen mit dem Zarenreich und der Sowjetunion deutlich machte. Dr. Manfred Nawroth (Staatliche Museen, Berlin) hat danach einen Überblick über die “Aktivitäten im Südkaukasus in 25 Jahren im Hinblick auf die deutschen Siedler” gegeben. Im Anschluss wurde dann die Wanderausstellung feierlich im Foyer des Georgischen Nationalmuseums eröffnet.

Im ersten thematischen Panel ging es um „Das deutsche Erbe im Kaukasus und seine Interpretation: Historischer Kontext: Emigration aus Württemberg – Immigration in den Südkaukasus“. Prof. em. Stefan Merl, Osteuropahistoriker der Universität Bielefeld fragte nach dem „Beitrag der deutschen Kolonisten zur ländlichen Entwicklung im Südkaukasus: Reflexionen im Vergleich zu den deutschen Siedlern im Wolga- und Schwarzmeerraum”, der sehr stark von Landmangel und einer regionalen Spezialisierung auf den Weinanbau und Vertrieb im Zarenreich geprägt war. Anschließend berichteten Assoc. Prof. Dr. Max Florian Hertsch und Ass. Prof. Mutlu Er von der Hacettepe University in Ankara von ihrer Spurensuchen zu den noch recht unbekannten “Kaukasusdeutschen auf türkischem Territorium”. Diese waren anscheinend von der Mutterkolonie Katharinenfeld aus in die Region Kars gewandert, als diese ein Teil des Zarenreiches gewesen war (1878-1917). Ihr Erbe sei aber nur sehr schwer auszumachen.

Die zweite Sitzung wandte sich dann dem „Alltagsleben“ der Kolonisten zu. Prof. Ikram Aqasiyev vom Geschichtsinstitut der Nationalen Akademie der Wissenschaften Aserbaidschans fragte nach den „Beziehungen der deutschen Kolonisten mit der lokalen Bevölkerung in Aserbaidschan“, sprich von den Interaktionen um Helenendorf und Annenfeld. Rita Laubhan, eine Nachfahrin einer Familie von Kolonisten aus Deutschland, berichtete von ihren Studien zur „Geschichte Alexandersdorfs“, die heute nicht mehr als einzelne Siedlung existiert, sondern bereits in den 1920ern in den Tbiliser Stadtteil Didube eingemeindet worden war. Ihre stark genealogischen und lokalhistorischen Funde, die sie in einem gleichnamigen „Heimatbuch“ niedergelegt hat, zeugen von der immensen Erinnerungsarbeit der Nachfahren der in Deutschland als „Russlanddeutsche“ subsumierten Gemeinschaft der Spätaussiedler. Von den wenigen Frauen, die aufgrund ihrer Ehe mit Nichtdeutschen von der Deportation verschont blieben oder nach Tbilisi zurückgekehrt waren, berichtete Nino Lezhava, Direktorin der Regionalbüros Südkaukasus der Heinrich Böll Stiftung, die als „Deutsche Tanten” in Tbilisi im nachstalinschen Georgien private Kindergärten unterhielten, die den georgischen Kindern aus gebildeten Elternhäusern nicht nur deutsche Sprache, sondern auch Kultur vermittelten und die künftige Elite nachhaltig prägten. Ihr wird demnächst mit einem Erinnerungsband erstmals ein Denkmal gesetzt.

Die dritte Sitzung thematisierte das materielle Erbe in „Architektur, Kultur und interkulturellen Beziehungen“. Frau Farida Gasimova berichtete von der “Deutschen Architektur in Aserbaidschan”, betrachtete neben der ländlichen Siedlungsarchitektur auch das Erbe im Stadtbild Bakus. Darauf folgte Nestan Tatarashvilis umfassender Bericht zu den “Deutschen Siedlungen und Architekturerbe 1817-2017. Forschung, Restauration und Rehabilitierung” vom „Verein zur Bewahrung des deutschen Kulturerbes im Südkaukasus“ (Tbilisi). Im Rahmen einer von der Agentur für Kulturdenkmalschutz Georgiens geförderten Inventarisierung konnten 23 Siedlungen auf dem Territorium des heutigen Georgien und mehr als 1.500 Gebäude als deutsches Kulturerbe erfasst werden. Dieser Bestand sei jedoch durch Vernachlässigung und einem umfassenden Bauboom in Tbilisi sehr gefährdet. Prof. Nino Chogoshvili von der Kunstakademie Georgiens stellte dann das Wirken deutscher Maler unter dem Titel „Georgische Moderne Malerei und Deutschland, 1900-1940“ vor. Katharina Dück vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim zeigte, wie „Sprache und Identität lebender Kaukasusdeutscher und ihrer Nachfahren in Baku, Tbilisi, Bolnisi und in der Bundesrepublik Deutschland“ miteinander verbunden sind und welche Bedeutung das Schwäbische bei der Ausbildung einer eigenen Identität besaß.

In der vierten Sitzung über „Politische Ereignisse: vom Ersten Weltkrieg zur Deportation, Umsiedlung georgischer Bergbewohner, Rückkehr nach Deutschland, Erinnerung an die (verlorene) Heimat“ stellte Prof. Otar Janelidze „Die Geschichte der Beziehungen zwischen der Demokratischen Republik Georgiens und Deutschlands im Jahre 1918“ dar. Er stellte die aktive Rolle des Deutschen Reiches bei der Unabhängigkeit Georgiens ins Zentrum, die dann auch von Deutschland als erstem Land anerkannt wurde – gegen den Widerstand des damaligen Bündnispartners, dem Osmanischen Reich.

Während sich der erste Tag eher mit der Vergangenheit auseinandersetzte, ging es am zweiten Tag darum, wie das „Deutsche Kulturerbe im Kaukasus für die Zukunft“ bewahrt werden kann. Nach einem Grußwort von Herrn Elnur Sultanov, dem Generalsekretär der National UNESCO-Kommission der Republik Aserbaidschan, stellte Prof. Oliver Reisner (Staatliche Ilia Universität, Tbilisi) Fragen zur „Zukunft des deutschen Kulturerbes in Georgien” in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Da es keine in Georgien lebende deutsche Minderheit mehr gebe, die sich selber um den Erhalt des materiellen wie immateriellen Kulturerbes sorgen könnte, müssten in Zukunft neue Mittel und Wege gefunden werden, dieses Erbe einer neuen Bestimmung zuzuführen, die vor allem die junge Generation anspricht. Dies wurde in einer gemeinsamen Sommerschule mit deutschen und georgischen Studenten in Katharinenfeld-Bolnisi im September 2017 versucht und es wurden fünf Projekte erarbeitet. Ein konkretes Beispiel stellte der Künstler Aleksi Sosselia mit dem “Magischen Teppich Projekt – Ein Deutsch-Georgisches Kulturzentrum für Bolnisi“ vor, in welchem das alte Dorfschulzenamt als Begegnungs- und Weiterbildungszentrum für Künstler und die lokalen Anwohner ausgebaut werden soll.

Unter dem Thema „Deutsches Erbe als Bildunsressource“ stellte Natalia Bachtadze-Engländer vor, wie “Nachhaltige Entwicklung von materieller und immaterieller Kultur durch Ökotourism“ erreicht werden kann. Sie stellte dabei am Beispiel des deutschen Kulturerbes in der Gemeinde Tsalka vor, wie Natur- und Kulturschutz sinnvoll miteinander verbunden werden können. Wichtig ist die enge Kooperation mit den lokalen Anwohnern. Nana Tsikhistavi, Präsidentin des Georgischen Geschichtslehrerverbandes, stellte anschließend die „Aktivitäten zum deutschen Erbe im Südkaukasus“ vor, ein neuartiges, ergänzendes regionales Lehrwerk zur kulturellen Geschichte im Unterricht am Beispiel des deutschen Kulturerbes im aserbaidschanischen Göy Göl bzw. Helenendorf. Dabei seien Multiperspektivität sowie interaktive Lehrmethoden mindestens genauso wichtig, wie die zu vermittelnden Inhalte. Teona Sekhniashvili, Bachelor-Studentin an der Freien Universität Tbilisi, stellte dann ein erfolgreiches Projekt der oben erwähnten Sommerschule, den „Lehrpfad Bolnisi“ vor. Hier handelt es sich um eine außerschulische Lernmöglichkeit vor Ort in Bolnisi, um Jugendlichen den historischen Kontext des materiellen Erbes durch die spielerische Form einer „Schnitzeljagd“ zu vermitteln. Das Projekt wird von der staatlichen Agentur „Kreatives Georgien“ unterstützt und 2018 umgesetzt. Abschließend berichtete Prof. Nino Chikovani von “Studium und Lehre einer Multikulturellen Realität am UNESCO Lehrstuhl für Interkulturellen Dialog an der Staatlichen Universität Tbilisi“.

Zum Abschluß des zweiten Tages wurde die Evangelisch-Lutherische Kirche in Georgien und im südlichen Kaukasus besucht. Bischof Markus Schoch stellte die Geschichte und Gegenwart der mit etwas über 1.000 Mitglieder zählenden Gemeinde vor. Es folgte ein kleines Konzert mit Liedern von kaukasischen und deutschen Komponisten dargeboten mit Akkordeon und Kontrabass.

Am Samstag, dem 16. Dezember, folgte dann eine Exkursion nach Bolnisi-Katharinenfeld, bei der Mikheil Tsereteli das neue Regionalmuseum Bolnisi, seine Konstruktion und Ausstellungskonzeption vorstellte. Erstmals in der Geschichte Georgiens wird dem Kulturerbe der Kolonisten ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet. Entsprechend dem Regionalisierungskonzept des GNM wird die Erforschung der Geschichte der Kaukasiendeutschen in diesem Regionalmuseum angesiedelt werden. Das Museum soll im Mai 2018 eröffnet werden. Anschließend führten Nestan Tatarashvili und Oliver Reisner durch das “Deutsche Viertel” und konnten vor Ort den Bestand und die Probleme des Kulturerhalts demonstrieren.

Insgesamt bot diese kleine Konferenz einen tiefen Einblick in die transnational vernetzte Geschichte einer kleinen Gruppe schwäbischer Kolonisten in der „großen“ Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Es ist erfreulich, dass viele der vorgestellten Forschungen 2018 zur Buchmesse in Frankfurt M., auf der Georgien Gastland sein wird, auch in Buchform vorliegen werden.

Oliver Reisner

 

 

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