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Erinnerungsabend im Gedenken an Bischof Dr. Andreas Stökl

Anlässlich des  zehnjährigen  Jahrestages des  Todes von   Bischof   Dr. Andreas  Stökl  hat  am 8. Mai  2016  ein Erinnerungsabend   in der Versöhnungskirche Tbilisi  stattgefunden,  an dem  Bischof  Hans-Joachim Kiderlen, Pastorin Irina Solej, der Bischof  der Baptistischen Kirche Malchas Songulaschwili, und die Vorsitzende des  Gemeinderates der Friedenskirche in Rustavi  Larisa Babaeva  teilgenommen haben.    Erinnerungen  haben auch David  Jandieri und Vova Lisunov mitgeteilt, die am Konfirmationsunterricht  mit Bischof  Stökl teilgenommen haben.  Der Bruder von Bischof  Stökl  Rudolf,  der  als Pastor in den ärmsten Stadtvierteln  der Stadt Alagoinchas  im Osten  Brasiliens tätig ist,   die Schwester  Dorothea und die  Söhne  Jonathan  und  Daniel haben  Briefe  mit  Grußworten geschickt  und  ihre große Dankbarkeit gegenüber der lutherischen  Kirche in Georgien für  das  gute und bleibende  Gedächtnis an ihren  Bruder und  Vater   zum Ausdruck gebracht.  Die Musikgruppe  (Robert Merabov -Akkordeon,  Albert Merabov -Kontrabass, Vova Lisunov -Flöte)  hat   diesen  Erinnerungsabend mit schöner  Musik begleitet. Es wurden Fotos gezeigt, einen Teil hat Bischof   Stökl  selbst gemacht, denn er war ein begeisterter  Fotograf.  Zum Schluss  haben wir  Taizé-Lieder gesungen, die Bischof  Stökl  durch  sein ganzes  Leben  trugen und  es ist ihm gelungen, unseren Jugendlichen und Erwachsenen  in den  Gemeinden  diese  Gesänge   beizubringen. 

Ich möchte mich an die Worte von  Bischof   Stökl  erinnern, die  er  in  einem   seiner  letzten  Artikel  im  “Kirchenboten”  von April  2006  geschrieben hat.   Es war kurz vor Ostern und wir lesen:  “Wem bleibt das  letzte Wort  in unserem Leben  und Tod? ” Jeder Christ  muss die Antwort  auf  diese Frage  wissen, die Antwort ist  im Wort  Jesu Christi:  “Ich lebe, und ihr sollt auch leben!”  

Pastorin Irina Solej

Besuch von Landesbischof July bei der ELKG und in Georgien

Für die ELKG war es eine Freude, Landesbischof Dr. Frank Otfried July fünf Jahre nach seinem ersten Besuch, damals zum zehnten Jahrestag der Eröffnung des Saltet-Hauses, wieder bei uns begrüßen zu können. Der Besuch vom 8. bis 11. April 2016 galt aber nicht nur uns, der kleinen Partnerkirche der großen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Württemberg, sondern auch den anderen Kirchen und Religionen Georgiens. Insbesondere mit der Georgisch-Orthodoxen Kirche unterhält die württembergische Kirche seit langem gute Beziehungen. Bischof July ist einer der Vizepräsidenten des Lutherischen Weltbunds (LWB) und auch als solcher an der Lage der Religionen und Konfessionen in Georgien und ihren Beziehungen zum Staat und untereinander interessiert.

So folgte auf den sehr freundlichen Empfang durch Patriarch Ilia II. gleich am Morgen des ersten Besuchstags ein langer Austausch im Rat der Religionen beim Ombudsman Georgiens, in dem fast alle Minderheitsreligionen und –konfessionen vertreten sind. Bischof July erläuterte u.a., wie in Deutschland sich die Beziehungen zwischen dem Staat und den Kirchen und Religionen und Religionsgemeinschaften untereinander gestalten. Das fand großes Interesse insbesondere bei den anwesenden Leitern muslimischer Gemeinden, die für sich nach einem selbstbestimmten Platz in Staat und Gesellschaft in Georgien suchen. Danach, am Nachmittag, hielt Bischof July einen Vortrag in der Staatlichen Ilia-Universität über „Die Rolle der Kirchen und Religionsgemeinschaften in Deutschland im Zusammenwirken von Staat und Gesellschaft“.

Erst der zweite und der dritte Besuchstag waren dem Leben der ELKG gewidmet. Im Saltet-Haus trafen Bischof July, seine Frau Edeltraud July und Kirchenrat Klaus Rieth Mitarbeiter und Bewohner zum Gespräch. Am Nachmittag versammelten sich fast alle Mitarbeiter mit leitenden Funktionen in Kirche und Diakonie, - die Mitglieder des Präsidiums, Pastoren, die Koordinatoren für die Arbeit mit Frauen, Männern und Kindern, die Vorsitzende der Revisionskommission der ELKG, die Buchhalterin, Vorsitzende von Gemeindekirchenräten, die Vorsitzende des ELDWD, die Koordinatorin des DDhP, die Leiterin der Kirchenkanzlei, - und sprachen über Möglichkeiten und Probleme ihrer Arbeitsbereiche und der Kirche. Bischof July lobte die breite Verteilung von Verantwortung und das Engagement aller Beteiligten. Er sicherte der ELKG auch für die Zukunft die Unterstützung der württembergischen Landeskirche zu und überreichte eine Geldspende, über deren Verwendung wir uns noch Gedanken machen müssen.

Zum Gedenken an 500 Jahre Reformation Martin Luthers pflanzte Bischof July eine Linde in unserem Garten. Viele Gemeindeglieder und Jugendliche waren anwesend und griffen zum Spaten. In der anschließenden Begegnung mit Jugendlichen, die meisten im Konfirmationsalter, ging es um die Konfirmation als persönliches Ja zum Glauben. - Höhepunkte und Abschluss des Besuchs waren die Gottesdienste am Sonntag in Tiflis, in dem Bischof July die Predigt hielt, und in Bolnisi, zu dem er mit seiner Frau und Kirchenrat Rieth Pastor Viktor begleitete. – Der Besuch hat uns ermutigt auf unserem Wege. Er hat uns auch neue Ideen gegeben für unsere Arbeit. Es spricht für den christlichen Geist enger Verbundenheit zwischen unseren Kirchen, wenn der geistliche Leiter einer Landeskirche mit 2,1 Millionen Mitgliedern bereit ist, so intensiv das Gespräch mit einer Kirche von weniger als siebenhundert Mitgliedern zu suchen! Dem Wirken des Heiligen Geistes, dem sich bekanntlich die Kirche verdankt, sind Zahlen und die Größenordnungen dieser Welt eben eher gleichgültig.

 Bischof Hans-Joachim Kiderlen

Synode der ELKG

Im November 2015 haben die Synodalen neben der Beratung des Haushaltsplans 2016 und Nachwahlen in das Synodalpräsidium sowie einer Schatzmeisterin einer Petition an den Stadtrat zugestimmt, eine Straße in Tbilisi, vorzugsweise in der Umgebung der Versöhnungskirche nach Martin Luther zu benennen.

Während der Synode im April 2016 wurde eine Kommission zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums und der Einwanderung der Schwaben vor 200 Jahren ernannt.   Außerdem ist geplant, auf Georgisch eine Broschüre mit Kommentaren zeitgenössischer Theologen zu Luthers reformatorischem Denken und seiner Wirkung  zu veröffentlichen.

Luther-Tage

Das Thema der diesjährigen Luther-Tage, die zum fünften Mal im Februar 2016 stattfanden, beschäftigte sich mit den ‚christlichen Kirchen als Minderheit und als Salz der Erde‘: das Salz als wertvolles Naturprodukt und als Symbol für die Bedeutung und Kraft des Christentums.  Prof. Tsopuraschwili, Ilia - Universität Tbilisi, hielt eine Vorlesung über die Auswirkungen der Reformation auf das soziale, wirtschaftliche, kulturelle Leben der Gesellschaften in der Welt. In der abschließenden Podiumsdiskussion ging es um verschiedene Möglichkeiten der Selbstbehauptung der evangelischen Kirchen in der georgischen Gesellschaft. Kritisiert wurde die starke Präsenz der Georgischen Orthodoxen Kirche in den Medien.

Ungekürzter Jahresbericht von Christiane Hummel in Mitteilungsblatt "Brücken bauen" Ausgabe 24 (Im Mitteilungsblatt musste der Bericht aus Platzgründen teilweise gekürzt werden.)

 

Verehrte, liebe Freundinnen und Freunde!

Das Jahr 2015 endete mit einem langerhofften und einem überraschenden Ereignis:

Beim EU-Gipfel in Warschau hat die EU-Kommission Georgien die Visa-Freiheit in den Schengen-Raum zugesprochen, die etwa nach einem halben Jahr in Kraft treten wird.

Am 23. Dezember 2015 hat Premier Gharibashvili seinen Rücktritt erklärt.

Seit 2012 wurde von den Vertragspartnern EU und georgische Regierung auf verschiedenen Ebenen intensiv über Visa-Erleichterungen als ersten Schritt auf dem langen Weg zur EU-Mitgliedschaft verhandelt. Georgien hatte „Hausaufgaben“ zu erfüllen, die geprüft und kontrolliert wurden. Es ging um  fundamentale Reformen in der Justiz, in der Wirtschaft, Korruptionsbekämpfung und den großen Bereich der Menschenrechte, also auch um gesellschaftliche Verhaltensweisen, die nicht einfach abzuhaken sind, deren sich die Gesellschaft erst einmal bewusst werden  und Verständnis für Veränderungen als Gegenleistung zur Annäherung an europäische Werte entwickeln muss.  Die Regierung konnte wohl überzeugen, dass sie sich um die Einlösung der Forderungen bemüht und hat deshalb den Wunsch nach Visa-Freiheit bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholt;  schon auch um die Bevölkerung immer wieder nach Jahren leerer Versprechen an die Richtigkeit der   W-Ausrichtung zu erinnern.  Schließlich hat auch der Patriarch das Abkommen begrüßt. Nachdem er von Anfang an die Verhandlungen mit kritischer Distanz  und Sorge verfolgt und dies auch bekundet hat, besteht jetzt für ihn die Hoffnung, dass Verständnis und der Schutz der georgischen Kultur und des spirituellen Erbes gewährleistet sind.
Kurze Zeit nach der EU-Entscheidung hat auch die russische Regierung Visa-Erleichterungen bekannt gegeben. Eine Minderheit in der Bevölkerung bevorzugt nach wie vor stärkere Bindungen an die Russische Föderation; darüber hinaus bestehen viele gewachsene freundschaftliche, auch wirtschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Staaten.

Das überraschende Ereignis, wenigstens für die Öffentlichkeit, war der Rücktritt des Premier. Intern wurde wohl darüber gesprochen;  vielleicht auch wegen der schlechten Umfrageergebnisse für die Koalition erhoffte man sich mit einem neuen Gesicht bessere Werte. Im Rückblick  erklärt dies auch die Ernennung des früheren Wirtschaftsministers zum Außenminister am 1. September. Giorgi Kvirikashvili wurde am 29. Dezember als neuer Premier vom Parlament  bestätigt. Wie der Vorgänger hat auch er berufliche Erfahrung in Organisationen gesammelt, die unter Aufsicht des wichtigen Mannes im Hintergrund, Bidzina Ivanishvili, stehen.

Im Zuge von vier Ministerrücktritten in der ersten Jahreshälfte wurde Tinatin Khidasheli als erste Frau Ministerin für Verteidigung  (ein „Gschmäckle“ hat die Ernennung, da sie die Frau des Parlamentspräsidenten ist). Mit Energie und Eloquenz setzt sie sich für den Beitritt des Landes zur NATO ein. Die westlichen Gesprächspartner sichern Unterstützung zu, aber die Skepsis bleibt und einen Zeitplan gibt es nicht. Auch die Zustimmung in der Bevölkerung ist nicht so deutlich wie zur EU. Ein militärisches Trainingszentrum im Rahmen eines von der NATO ausgearbeiteten „substantiellen Pakets“ als Beistand wurde Ende des Jahres fertiggestellt. Angesichts dieser Konstellation ist es umso wichtiger, dass die Gespräche zwischen dem georgischen und russischen Bevollmächtigten weiter stattfinden.

Ein derzeit kaum zu lösender Konflikt sind die häufigen Grenzverletzungen an der Grenze zur  - „selbständigen“ – abtrünnigen Provinz Südossetien  mit Grenz-verschiebungen und Stacheldraht, Markierung der „Staatsgrenze“ und Verschleppungen von Einwohnern an der Grenze. Auch darüber wird unter EU, UN und OSZE – Aufsicht verhandelt mit wenig Aussicht auf Einsicht.                                                                                       
Eine andere Problemzone in Georgien,  zu behandeln von Innen- und Außenpolitik, ist das Pankisi-Tal im rauen Nord-Osten Georgiens. Dort wohnen ethnische Tschetschenen muslimischen Glaubens mit georgischer Staatsangehörigkeit. Außer spektakulären militärischen Durchsuchungen nach Terroristen ist im Tal über Jahrzehnte kaum etwas  für die Verbesserung der Lebensverhältnisse geschehen, ein Gebiet für die Anwerbung von IS-Kämpfern geeignet; ca. 100 junge Leute sind inzwischen der Werbung gefolgt. Mittlerweile werden die Frauen der Gegend aktiv, gründen eine NGO und haben ihre Forderungen formuliert:  schärfere Grenz-kontrollen zur Türkei, Wirtschafts- und Bildungsprogramme für die Einheimischen, Stärkung der Rolle des „Ältesten“ einer Familie oder eines Stammes. Es ist dies ein Beispiel für die Vernachlässigung einer eingesessenen Minderheit.

Bei der Erfüllung der EU - Forderungen nach Reformen haben sich außer den zuständigen Ministerien in Tbilisi  eine Vielzahl von Kommissionen, Ausschüssen, beratende Gremien und Initiativen hervorgetan, und was gibt es nicht alles zu reformieren und das öffentliche Bewusstsein dafür zu schärfen:  Justiz, Wirtschaft und Umwelt, Menschenrechte in vielen Aspekten.
Um nur einiges zu benennen: die neue Vorsitzende des Obersten Gerichts hat die schwierige Aufgabe, Richter nach Qualifikation und Unabhängigkeit zu wählen.   – Ein Verfahren um die Rückgabe von Anteilen am Fernsehsender   Rustawi 2, die dem Eigentümer nach seiner Meinung von Mitgliedern der früheren Regierung geraubt wurden, entwickelte sich über eine längere Zeit zu einer undurchdringlichen Auseinandersetzung mit Vorwürfen der Einmischung der Parteien und Zurückweisung durch die Politik.  - Dass der frühere Oberbürgermeister von Tbilisi neun Monate ohne Urteil in Haft sitzt, lässt an ein politisches Verfahren denken.  -Eine Einflussnahme aus einer anderen Richtung kommt in den Sinn, als im Oktober 2015 ein orthodoxer Priester und drei Männer freigesprochen wurden, die im Mai 2013, ausgerüstet mit Stuhlbeinen und unter üblen Beschimpfungen  auf eine kleine Gruppe von Demonstranten gegen Homophobie losgegangen sind und dabei jedenfalls das Recht auf Versammlungsfreiheit  behindert haben  -  ob da wirklich „nur“ eine gesetzestreue Interpretation das Gericht zu diesem Urteil bewogen hat?!

Auch in der Wirtschaft sind Anpassungen der einheimischen Produkte an EU-Bestimmungen nötig, wie Normierung,  Hygiene und andere Standards, um die Wettbewerbsfähigkeit auf dem reichen europäischen Markt nicht nur für Wein herzustellen. Das Arbeitsrecht wurde verbessert (wir haben dies in den Arbeitsverträgen von Kirche und Diakonie berücksichtigt). Ein Problem bleiben die schwachen Gewerkschaften und sicher eine Weile noch, bei hoher Arbeitslosigkeit, die Willkür mancher Arbeitgeber.  EU und private Organisationen fördern kleine und mittlere Unternehmen, besonders in der einheimischen landwirtschaftlichen  Produktion mit Material und Ausbildung  -   immer noch lässt vor allem die Berufsbildung, aber auch das Schul- und Hochschulwesen zu wünschen übrig.
Auffallend ist die Präsenz von Investoren aus China auf dem Markt, die ein Luxushotel, die Häuser für die Jugend-Olympiade im Sommer gebaut haben und im Wettbewerb um den Bau des Hafens in Anaklia am Schwarzen Meer stehen. Auch sie werden die Visa-Freiheit für die Georgier zum Schengen-Raum begrüßen.  Schon länger wird der Tourismus als wachsender Wirtschaftsfaktor eingeschätzt, allerdings wirken hohe Preise in Hotels und Restaurants und schlechter Service gelegentlich abschreckend.  Ausländische Investoren mit Interesse an Georgien beziehen in ihre Standort-Überlegungen auch das gesellschaftliche Klima mit ein, das mit manchmal archaischen Formen des Zusammenlebens nicht immer einladend ist.  

Die Schönheit der Stadt Tbilisi mit der gewachsenen Vielfalt der Bauten und der Stile wird in den letzten Jahren durch den immensen Autoverkehr erheblich gestört, den die Stadtverwaltung viel zu langsam zu regulieren versucht. Mehrere Initiativen protestieren gegen die planlose und unpassende Bebauung der historischen Innenstadt. Es erscheint fraglich, ob sie nach Sanierung und Restaurierung  für Touristen wirklich attraktiver werden wird und gleichzeitig die Natur und grünen Lungen der Stadt geschützt werden. Außerdem hätten im Interesse der Bewohner die Plattenbauten in den Vorstädten viel dringender eine Sanierung nötig, anstatt luxuriöse Shopping Malls  bauen zu lassen.

Die Einhaltung der Menschenrechte ist bei allen vorbereitenden Gesprächen der EU mit Georgien immer angesprochen worden. Wie es schien,  musste erst einmal  ein Bewusstsein vor allem in der Bevölkerung dafür entwickelt werden, dass es Menschen gibt, die besonderer Aufmerksamkeit  und des Schutzes durch staatliche Organe bedürfen. Eine wichtige Rolle für die Information der Öffentlichkeit mit den Hinweisen auf Missstände spielt dabei der Ombudsmann. Konkret ging und geht es um häusliche Gewalt, um die Situation der Behinderten, deren menschliche und wirtschaftliche Situation viel zu wenig berücksichtigt wird, um die entwürdigende Behandlung von Gefangenen durch das Vollzugspersonal einschließlich der Übergriffe von Polizisten auf  Bürger,  um die Bekämpfung der Armut vieler Kinder, um den Schutz anderer Minderheiten, und was uns betrifft, um den Schutz religiöser Minderheiten und damit verbunden die Gleichbehandlung mit den traditionellen christlichen Konfessionen sowie den Moslems und Juden.

Angesichts der schleppenden wirtschaftlichen Entwicklung ist eine kontinuierliche Verbesserung im sozialen Bereich noch nicht zu erkennen. Auch der Premier nannte es alarmierend, dass die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt. Dies gilt nicht nur hinsichtlich der zu fördernden Landwirtschaft, um die eigene Produktion zu steigern  - um wie vielmehr gilt das für die Bewohner in den Städten bei hoher Arbeitslosigkeit und /oder unregelmäßigen kleinen Einkommen. Die Gesundheitsversicherung für alle deckt eine Grundversorgung und die Kosten bei akuten Operationen, ergänzt durch befristete Programme. Wie längere Erkrankungen und Medikamenteneinkauf zu bezahlen sind, bleibt den Patienten überlassen: wie oft haben Kirche und Diakonie dafür Zuschüsse gegeben.
Rentner haben seit September 10 GEL mehr = 160 GEL = ca. 64 .- € in der Tasche,  das entspricht statistisch dem Minimum-Lebensunterhalt für eine Person, eine beschämende Erhöhung; in der Realität liegt der monatliche  Mindestunterhalt bei 250 Gel. Im Sommer 2016 wird der Betrag auf 180 GEL angehoben werden, eindeutig ein Geschenk vor der Wahl im Oktober 2016.

Neben den Anlässen, die im Kirchenkalender vorgegeben sind, versammeln sich die Mitglieder der ELKG zu besonderen Veranstaltungen: das ökumenische Gebet für die Einheit der Christen, schon immer ohne orthodoxe Beteiligung; dieses Mal am Schluss mit Kerzen, die die Teilnehmer in orthodoxen Kirchen mit einem Gebet um den Geist der Einheit entzünden sollten. Taizé-Gebete werden besonders in Rustawi gepflegt, auch anlässlich des 100. Geburtstags von Roger Schutz.

Die Konfirmation, immer noch ein zentrales Problem der ELKG: in Rustawi wurden an Pfingsten zwei junge Mädchen konfirmiert, während sich von den Jugendlichen in Tbilisi keiner dazu entschließen konnte, die Gründe sind bekannt. – Im Juli hat Bischof Kiderlen Temuri Bardavelidze zum Lektor eingesegnet  -  ein Georgier, aktiv in der Gemeinde bei Jung und Alt, und  überzeugend in seinen Glaubensaussagen.  Beim Fürbittgottesdienst für die Flüchtlinge und Verfolgten im Vorderen Orient im August, den die ELKG zusammen mit dem UNHCR durchführt, waren unsere leisen, aber innigen Gebete bis jetzt ohne Erfolg.
Mitte Oktober fand zum zweiten Mal der Gottesdienst zum Gedenken an die Einwanderung der Schwaben vor bald 200 Jahren in Katharinenfeld - Bolnisi statt, dieses Jahr auch schon in Hinblick auf die Jubiläumsvorbereitungen für 2017.
Wie immer legt die ELKG zur Stärkung des eigenen Profils Wert auf Fortbildung; allerdings hätte man sich gerade für den Gast aus Wittenberg, Propst Kasparick, bei den Luther-Tagen zum aktuellen Thema ‚Reformation und Ökumene‘ im Februar mehr Zuhörer gewünscht.
Hervorzuheben ist ein Seminar zur Gemeindediakonie, das zwei Pastoren aus der Ukraine durchführten. Es ist schwierig, in allen Gemeinden so aufopferungsvolle Frauen zu finden, wie es Erna Wagner seit Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts bis heute für die Gemeinde Tbilisi vorgelebt  hat.
Auf Einladung der Ev. Kirche Mitteldeutschland fand bei Magdeburg ein Seminar zum Gemeindeaufbau mit Teilnehmern aus Weißrussland und Georgien statt, das ähnliche Fragestellungen um Selbstbehauptung und „Lutherische Identität“ in der orthodoxen Umgebung beider Länder zum Vorschein brachte.
Das alljährliche Frauenseminar in Kvareli führte erstmals auch Frauen aus Baku und Erewan zusammen – bei den Politikern im Südkaukasus wäre das vorläufig nicht möglich.

Ab Juni starteten die Sommerfreizeiten in Kvareli, nachdem Jugendliche zuvor an einem Seminar zur Aus- und Fortbildung für die Leitung teilgenommen hatten, auch als Training zur Übernahme anderer Verantwortung in der Kirche. Für die zu Hause Gebliebenen hat sich die Gemeinde Rustawi ein abwechslungsreiches Programm ausgedacht, das den Jugendlichen sehr gefallen hat.  Ein Projekt-Lager haben die Jugendlichen in eigener Verantwortung gestaltet unter dem Motto: UKS  -  unternehmerisch, kreativ, selbständig. Möge es der Zusammengehörigkeit und weiterer Initiativen dienen!

Im Saltet-Haus und in der Tabidzestrasse gibt es nach wie vor warme Mittagessen; etliche Gäste, denen der tägliche Weg zu beschwerlich wird, haben die „trockenen Tüten“ gewählt.  In das Altenheim sind drei neue Bewohnerinnen eingezogen, die nicht mehr allein in ihren Wohnungen leben konnten. Unser Hausmeister hatte die gute Idee, das geräumige Gemeinschaftszimmer in zwei Einzelzimmer umzubauen, um sie bei Nachfrage einrichten zu können. Der Raum neben dem Arztzimmer dient nun für gemeinsame Aufenthalte. Im Oktober hat der schon erwähnte Ombudsmann erstmals einen Report über die Situation alter Menschen in Heimen vorgelegt: nicht angepasste Umgebung, Armut, mangelnde medizinische Versorgung, Grobheiten von schlecht ausgebildetem Personal. Vielleicht sollte er einmal einen Besuch im Saltet-Haus machen um zu sehen, dass es auch anders geht.

Vor mehr als zwei Jahren hat in Kvareli eine „Zukunftswerkstatt“ stattgefunden, bei der Mitarbeiter von Kirche und Diakonie sich Gedanken über die Zukunft der ELKG gemacht haben. Es war allen klar, dass die Gründung der Kirche durch Kolonisten und deutsche Bürger von Tiflis im 19. Jahrhundert nicht vergessen werden darf, aber der Übergang in eine georgische lutherische Kirche geschehen muss, ein Ziel auf einem langen Weg, das seit Wiedererstehen der Kirche  immer im Blick war. Noch deutlicher haben es nicht nur die Jugendlichen beim Männerseminar 2014 zum Ausdruck gebracht: die Kirche muss georgischer werden!
Nach den Jahren der Gründung und des Aufbaus von Kirche und Diakonie muss dies auch personell mit der Übergabe der Verantwortung an  einheimische  (und auch jüngere) Mitglieder vollzogen werden, damit der ELKG der ihr gebührende Platz in der georgischen Gesellschaft und im Reigen der Konfessionen zukommen kann. Als ehemalige Leiterin der Diakonie gehe ich jetzt den Schritt  zur Übergabe und ich bin froh und dankbar, dass wir Larisa Babaeva, Leiterin der „Vorzeige“-Gemeinde in Rustavi, als meine Nachfolgerin gewinnen konnten. Sie hat Erfahrung in der geistlichen Führung wie auch in der Organisation und  hat das Vertrauen der Gemeinden und Diakonie. Ich bin überzeugt, mit ihr als Leiterin des ELDWG wird nicht das „Chaos“ ausbrechen, wie befürchtet wurde.
Desgleichen haben zwei langjährige, fachkundige und zuverlässige Mitglieder der Kirche die Arbeit als Kassenwartin, Buchhalterin und als Schatzmeisterin übernommen. Wir haben diese Übergabe zusammen viele Monate vorbereitet, wöchentliche Reports verfasst und auch die Abrechnungen für unsere Zuschussgeber erstellt. Mit einem Anhang an die Finanzordnung der ELKG sind Entscheidungswege und Kontrollmaßnahmen festgelegt, und die von der Synode im November 2015 gewählte Schatzmeisterin ist jetzt auch Mitglied des Synodal-präsidiums. (Niemand der Leser kennt sie, aber ich möchte  Eliso Buskadze von Herzen für viele Jahre  gemeinsamer Buchhaltungsarbeit danken, die sie gründlich und  - ganz ungeorgisch  -  in aller Seelenruhe für die ELKG geleistet hat.)
Tima, die Buchhalterin, hat während eines Praktikums in der Kirchenpflege Böblingen unter der Anleitung von Herrn Duck weitere Erfahrungen gesammelt –  vielen Dank nach BB!  Natascha, die Schatzmeisterin, konnte ihre Sprachkenntnisse in einem Deutschkurs des Martin-Luther-Bundes in Erlangen verbessern  -  auch dafür vielen Dank nach Erlangen!

Es fällt schwer und ist zugleich beglückend, am Ende dieses unvollständigen Berichts unseren tiefempfundenen Dank für alle Zeichen der Verbundenheit mit Kirche und Diakonie in Georgien auszusprechen.

In Tbilisi:    Zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Botschaft bestehen schon immer gute und hilfreiche Kontakte; wir danken für Beratung und die Weiterleitung unserer Anträge. Botschafterin Bettina Cadenbach wird auch kraft Amtes Ideen für die bevorstehenden Jubiläen entwickeln, die  der ELKG zugute- kommen werden, wobei die Kirche, wie schon erwähnt, immer  die Balance zwischen deutscher und georgischer Kirche halten muss.
Die ELKG dankt ebenfalls der Kanzlei der ELKRAS in St. Petersburg für den Zuschuss zur kirchlichen Arbeit.

In Deutschland:    wir können uns an die zuständigen Mitarbeiter/innen im Oberkirchenrat der Württembergischen Landeskirche wenden, den Gedanken-austausch und die materielle Unterstützung, beides brauchen wir. Überlegungen zur Gestaltung der Jubiläen Reformation und Einwanderung der Schwaben haben frühzeitig begonnen.
Ein ganz großer Dank geht an Dekan Liebendörfer und das Dekanat, ohne deren Einsatz und Gastfreundschaft wir Anfänger in der ELKG die Durchführung des Kirchentags nicht geschafft hätten. Dank auch an ‚Dikola‘ Böblingen!  Mitgeholfen haben  der OKR und das GAW Württemberg. In der Gemeinde Baku gibt es jetzt ein aserbaidschanisches Gesangbuch mit einer Auswahl von übersetzten Liedern aus dem deutschen Gesangbuch, das unter Mithilfe des GAW entstanden ist. Das wichtige Männerseminar wurde ebenfalls vom GAW gefördert.
Die Leiterin der ‚Häuslichen Pflege‘ und ihre Kolleginnen sind dankbar für die weiter bestehenden Kontakte zum DW Württemberg und den Mitarbeitern dort.
Die Partnerhilfe ist ein höchst willkommenes Geschenk für Rentner und Mitarbeiter/ innen  -  Dank an Frau Christmann, und ebenso für Frau Luipold, Chöre helfen Chören,  einen Gottesdienst oder andere Gelegenheiten ohne Chor  - unvorstellbar!                                   

Einige Gemeinden in Württemberg, dem Saarland, in Frankfurt, Weiterstadt, Brüssel und der Schweiz haben uns auch im vergangenen Jahr mit Kollekten und Erlösen die Treue gehalten; dabei werden uns die riesigen Unterschiede in den materiellen Möglichkeiten hier und dort immer wieder bewusst.
Schon seit vielen Jahren gibt es Kontakte zum Deutsch-Georgischen Verein in Schorndorf, der seinerseits eigene Verbindungen nach Georgien pflegt; mit stattlichen Beträgen werden Kirche und Diakonie beschenkt – dafür vielen Dank!  Auch die Johanniter  - Saar-Mosel  - sammeln für die ELKG und sind sehr spendabel, wir danken herzlich!

Schließlich erinnern wir uns in Dankbarkeit an die vielen kleinen und großen Spenden, manche schon seit vielen Jahren, an umgeleitete Geschenke bei freudigen und traurigen Anlässen -   ja, an ganz spontane, außergewöhnliche Gaben, die uns sehr berühren.
Im Rahmen des 40- jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft Tbilisi – Saar-brücken hatten das Rathaus und die Stiftung ein Benefizkonzert für die ELKG im Rathausfestsaal organisiert, bei dem saarländische Musiker und die georgische Pianistin auf das Honorar verzichteten, und die Vorstandsmitglieder mit zusätzlicher Arbeit belastete  -  allen Beteiligten sei herzlich gedankt!  Für mich persönlich waren es ein Hörgenuss und Freude am Wiedersehen von Freunden und Bekannten.

Nicht nur der Vorstand der Stiftung hat  - zum Glück – viel Arbeit mit der ELKG, wofür wir von Herzen dankbar sind. Das Ehrenamt, derzeit weit verbreitet, üben die Mitglieder von Vorstand, Rat und Redaktion schon seit Bestehen der Stiftung aus. Den Mitarbeitern der Kirche und Diakonie sei ebenfalls gedankt; einige möchte ich besonders loben, da ihr Einsatz weit über den Arbeitsvertrag hinausgeht.
Wir bitten um Nachsicht, wenn eine gute Tat unerwähnt geblieben sein sollte; unsere große Dankbarkeit ist allen sicher, die mit Gebet, Wort und Tat der ELKG beigestanden sind.

Bischof Kiderlen und ich fügen wieder den Wunsch an:  bleiben Sie den Lutheranern in Georgien, den alten und neuen Mitarbeitern und der ganzen ELKG gewogen!

                                                                                               Christiane Hummel

 

 

 

 

 

In der Juniausgabe 2014 des „Kirchenboten“, des Gemeindebriefs der Evangelisch-Lutherischen Kirche Georgiens, erschienen zwei sehr informative Artikel, die wir den Besuchern dieser Seite nicht vorenthalten wollen:

Die Kirchen, Politik und die Krise der Ukraine

Die große Krise der Ukraine sieht wie das Ergebnis von aktuellen politischen Entscheidungen der Europäischen Union und der Russischen Föderation aus, eines Zweikampfs um die Macht, wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Die Krise konnte aber nur entstehen auf der Grundlage historischer und kultureller Spaltungen, für die auch die Kirchen in der Ukraine Verantwortung tragen. In der Ukraine, dem „Grenzland“ mitten in Europa, ist von den politisch Handelnden mit Macht ein alter großer Graben wieder aufgerissen worden, über den besser hätten Brücken gebaut werden sollen. Natürlich gibt es eine Ähnlichkeit zur Lage vor dem Ersten Weltkrieg, als die Handelnden mit einer ähnlichen Blindheit oder einem ähnlichen Fatalismus vorgingen. Ich glaube allerdings nicht, dass auch die weitere Entwicklung einen ähnlichen Weg wie vor hundert Jahren gehen wird.

Vor allem im westeuropäischen politischen und gesellschaftlichen Denken wird davon ausgegangen, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften sich von politischem Handeln eher fernzuhalten haben. Lediglich mit Aufrufen zu Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung wenden die Kirchen sich an das Gewissen ihrer Mitglieder und der politisch Handelnden. In der großenteils orthodox geprägten osteuropäischen Tradition sind Kirchen, auch nach ihrer eigenen Überzeugung, eher auch Teil der Politik, bis hin zur Dienstbarkeit gegenüber dem Staat. Für die Russisch-Orthodoxe Kirche, der ein großer Teil auch der ukrainischen Christen angehört, ist die Lage deshalb schwierig: Sie muss Loyalität auch gegenüber dem ukrainischen Staat bekunden. Bei der großen Rede, die Präsident Putin im Kreml zur Krim gehalten hat, war der russische Patriarch deshalb nicht anwesend, und die Krim wird kirchenrechtlich bis auf weiteres der Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchat unterstellt bleiben und nicht einer russischen Metropolie zugeteilt werden.

Ganz selbstverständlich ‚machen’ die orthodoxen Kirchen Politik; denn sie sehen sich auch als Sachwalter von nationaler Geschichte und Kultur!

In etwa stehen drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine für drei Bevölkerungsteile; das sind die, mit Schwerpunkt im Westen des Landes, mit dem Papst in Rom verbundene Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, dann die Ukrainische Orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat, die eine nationale eigenständige Kirche will, und die vor allem im Osten und Süden unter den Russischsprachigen starke Ukrainische Orthodoxe Kirche – Moskauer Patriarchat. Eine als gemeinsame und einheitliche Grundlage wahrzunehmende Kultur und Geschichte ist in der Ukraine schwer zu erkennen. Die drei orthodoxen Kirchen in der Ukraine sind vielmehr selbst Ergebnisse der politischen und kulturellen Spaltungen. So ist es ein gutes Zeichen, dass in der gegenwärtigen Krise die drei, politisch eher gegensätzlich ausgerichteten Kirchen immer wieder – zusammen mit den anderen, kleineren Religionsgemeinschaften – gemeinsame Worte des Aufrufs zu Frieden und Versöhnung gefunden haben. Der Moskauer Patriarch Kirill hat sich gegen eine Teilung der Ukraine ausgesprochen, – wobei die Abspaltung der Krim als zu akzeptierender Sonderfall gilt.

Wie können und sollen, nach ihrer Lehre und Tradition evangelische, insbesondere lutherische Kirchen auf politische Krisen reagieren, die die Existenz des Landes, in dem sie arbeiten, gefährden? Es ist richtig, sich mit Appellen zum Frieden und zur Versöhnung an das Gewissen der Menschen, insbesondere der Politiker, zu wenden und den Opfern zu helfen. Das Leben und die Würde des einzelnen Menschen und die Liebe unter den Menschen sollen im Mittelpunkt allen Handelns auch der Kirche stehen! Die Ausrichtung kirchlichen Handelns darauf ist bereits Politik, da dadurch Inseln des Friedens geschaffen werden können, die vielleicht zusammenwachsen. – Aber auch die gerade von evangelischen Kirchen betriebene christliche Ökumene, die Wahrnehmung aller Kirchen zusammen als die eine Kirche Christi, ist ein Ansatzpunkt für mögliches kirchliches Handeln aus evangelischer Sicht. Das gilt besonders für die Krise der Ukraine, in der nicht nur ‚westliches’ und ‚östliches’ politisches Denken gegeneinander stehen, sondern die entsprechenden unterschiedlichen ‚Kulturen’ auch von Kirchen geteilt und unterstützt werden. Zum Beispiel der seit Jahrzehnten geführte Dialog der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit der Russisch-Orthodoxen Kirche könnte in dieser Situation Früchte tragen. Er ist aber wohl zu abstrakt geblieben und zu wenig in das Bewusstsein der Gläubigen eingedrungen, um jetzt das gegenseitige Verstehen von ‚West’ und ‚Ost’ in der Ukraine zu fördern. Jedenfalls sollte der Dialog zwischen den ‚westlichen’ Kirchen, darunter auch die Lutheraner der Ukraine und Russlands, und den ‚östlichen’ Kirchen verstärkt werden. Die Rolle, die die christlichen Kirchen in Staat und Gesellschaft, insbesondere in Zeiten der Krise, zu spielen haben, hätte schon lange ein wichtiges Thema sein sollen! Nur ein gemeinsames Vorgehen der Kirchen aus dem ‚Westen’ und aus dem ‚Osten’ könnte für den in der Ukraine wieder aufgeflammten europäischen Ost-West-Konflikt Bedeutung haben.

Bischof Hans-Joachim Kiderlen

Als Anhang zum oben stehenden Artikel beigefügt die Erklärung des Metropoliten der Krim, Lazar, von der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchat vor der Volksabstimmung auf der Krim:

„ ... Die Kirche hindert keine orthodoxen Bürger an freier Meinungsäußerung und freiem Handeln. ... Doch angesichts der gegenwärtigen politischen Differenzen und offenen Kampfansagen an die Bürgergesellschaft möchte ich Sie alle, ganz gleich, welche politischen Präferenzen Sie vertreten, aufrufen, sich bei Ihrem Engagement für die Gesellschaft jeder Gewalt, Feindschaft, nationaler und religiöser Diskriminierung ... zu enthalten.

Allen Geistlichen der Eparchie Simferopol und der Krim sei gesagt: Ungeachtet aller wie auch immer gearteten Differenzen in der Welt ist die wichtigste Mission der Kirche die Verkündigung der Göttlichen Gebote sowie die Rettung der Menschen unter allen wie immer gearteten Bedingungen und Umständen: ,Mein Reich ist nicht von dieser Welt´. ... Ein christlicher Politiker oder Staatsmann ist verpflichtet sich bewusst zu sein, dass ... insbesondere in Anbetracht unserer gespaltenen Gesellschaft die meisten seiner Entscheidungen, die dem einen Teil der Gesellschaft nutzen, die Interessen und Wünsche des anderen Teils einschränken oder verletzen können. Daher ist heute von uns allen eine besondere geistige und ethische Sensibilität gefordert, ein Bewusstsein dafür, dass ein Christ säkulare Rechte in erster Linie dazu braucht, um mit ihrer Hilfe seiner hohen Berufung, Abbild Gottes zu sein und seine Pflicht vor Gott und der Kirche zu erfüllen, so gut wie möglich nachzukommen“.

aus: „Religion & Gesellschaft“, Nr. 4, 2014, S. 11

Der Bischofsrat des Bundes der ELKRAS in Tiflis

Der Bischofsrat, das Leitungsgremium des im November 2010 in St. Petersburg gegründeten Bundes der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Georgien und dem südlichen Kaukasus, Kasachstan, Kirgisien, Russland, der Ukraine und Usbekistan (Bund ELKRAS) hat auf Einladung der ELKG seine jährliche Tagung vom 7. bis 9. Mai 2014 in Tiflis abgehalten. Als es noch die ELKRAS, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland und anderen Staaten, als Kirche mit Eparchien in den Staaten, die aus der ehemaligen Sowjetunion hervorgegangen waren, gab, fanden die Bischofstreffen und die gemeinsame Generalsynode in Petersburg statt.

Der neue Bischofsrat tagt an den Städten, wo die Mitgliedskirchen ihren Sitz haben, und jede Kirche wetteifert mit der anderen in Gastfreundschaft gegenüber ihren Partnerkirchen. Zahlen für das Ereignis tut freundlicherweise die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die 2013 einen neuen Vertrag über Zusammenarbeit mit dem Bund abgeschlossen hat. Sie war auf dem Bischofsrat in Tiflis durch Oberkirchenrat Michael Hübner vertreten.

Dieses Jahr also trafen wir uns in Tiflis! Gekommen waren Bischof Dietrich Brauer aus Moskau, Bischof Alfred Eichholz aus Bischkek, Bischof Sergi Maschewski aus Odessa, Bischof Juri Nowgorodow aus Astana, Bischof Otto Schaude aus Omsk und Bischof Kornelius Wiebe aus Taschkent. An zwei Tagen hat der Bischofsrat gearbeitet; am dritten Tag hat er auf einem Ausflug nach Asureti (Elisabeththal), Bolnisi (Katharinenfeld) und nach Mzcheta unsere Kirche und unser Land auch außerhalb von Tiflis kennengelernt – vor allem Bolnisi, wo die Gemeinde eine reiche Mittagstafel gerichtet hatte und die alten Gemeindemitglieder Julia und Klara den Gästen in klarem Schwäbisch Rede und Antwort standen.

Sein Arbeitspensum hat der Bischofsrat nicht ganz bewältigen können. Im Wege stand die seit drei Jahren diskutierte und nun – hier in Tiflis – endlich mit Zeit und Mühe abgeschlossene Neufassung des Bundesvertrags. Der Text steht; die Kirchen müssen noch förmlich zustimmen und ihre Bischöfe bevollmächtigen, den Vertrag auf ihrer nächsten Sitzung, möglicherweise im kommenden Jahr in Taschkent, zu unterschreiben. Etwas zu kurz kamen inhaltliche Diskussionen. Das bemängelte auch der Vorsitzende des Bischofsrats, Bischof Eichholz aus Bischkek; denn der Bischofsrat ist vor allem auch ein gemeinsames geistliches Leitungsgremium der in dem Bund versammelten Kirchen.

Mit Interesse gehört wurden aber die Ausführungen Bischof Nowgorodows aus Astana zu den Grundlagen kirchlicher Partnerschaft, vor allem im Ost-West-Zusammenhang: Zu selbstverständlich werden oft Meinungen und Stellungnahmen, insbesondere zu ekklesiologischen und ethischen Fragen, die im ‚Westen’ Geltung erlangt haben, als allgemeingültig angesehen und der ganz andere kulturelle Kontext, in dem vor allem die kleinen Kirchen Osteuropas und Zentralasiens leben, nicht ausreichend beachtet. An diesem Thema muss weitergearbeitet werden! Vieles was während der Sitzungen nicht ausreichend zur Sprache kam, wurde aber in Gesprächen am Rande, beim Abendbrot im Saltet-Haus unseres Diakonischen Werkes und während des Ausflugs besprochen, z. B. die Lage in der Ukraine.

Die Veranstaltung des Bischofsrats des Bundes der ELKRAS in Georgien war eine Anstrengung für unsere Kirche, die uns, meine ich, gutgetan hat. Wir haben den größeren kirchlichen Zusammenhang erlebt, in dem wir, die ELKG, stehen, eine Gemeinsamkeit, die über die manchmal zu sehr im Vordergrund stehende zweiseitige Partnerschaft mit Kirchen und Gemeinden in Deutschland hinausgeht und vielfach von gleichen Lebensbedingungen gekennzeichnet ist. Das nächste Vorhaben im Rahmen dieser Gemeinsamkeit wird im Herbst, wiederum in Tiflis, die Konferenz der Kinder- und Jugendbeauftragten und -koordinatoren der Kirchen des Bundes sein.

Bischof Hans-Joachim Kiderlen

Bischof Kiderlen mit Übersetzerin

Am 15. März 2004 ist der erste Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien,  Professor Dr. Gert Hummel gestorben. Anlässlich des zehnten Todestages fand in der Versöhnungskirche in Tiflis eine Gedenkfeier statt, auf der der jetzige Bischof, Hans-Joachim Kiderlen die nachfolgende Ansprache hielt.

Sehr verehrte, liebe Frau Hummel, liebe Gemeindemitglieder und liebe Weggefährten von Gert Hummel in Georgien!

Wir versammeln uns heute hier in einem öffentlichen Raum, - der evangelisch-lutherischen Versöhnungskirche in Tiflis - , die Gert Hummel zusammen mit seiner Frau Christiane Hummel im wesentlichen mit eigenen Mitteln errichtet hat und in der er in den letzten sieben Jahren seines Lebens als Pastor und Bischof Gottesdienste gehalten und gepredigt, die Synode unserer Kirche geleitet, mit Jugendlichen über Gott und die Welt geredet und Gitarre gespielt hat. Es macht Sinn, zehn Jahre nach seinem unerwarteten Tod in diesen Räumen an ihn zu denken. Sie sind eines seiner vielen Geschenke an unsere Kirche, die seinen Tod hoffentlich noch lange überdauern werden.

In guter kirchlicher Tradition hat Gert Hummel diesen Kirchenbau immer als einen öffentlichen Raum verstanden, der nicht nur für die Mitglieder der lutherischen Gemeinde da ist, auch nicht nur für Besucher und Betende aller Konfessionen, sondern Platz bietet für die Bürger der Stadt, für Begegnungen, Gespräche und Konzerte. In der Tat, richtig voll ist unsere Kirche nur, wenn die Stadt bei uns zu Gast ist, insbesondere bei den zweimal im Jahr hier stattfindenden Konzerten klassischer europäischer Musik unter die Leitung von Schawleg Schilakadze, die Gert Hummel begründet hat und die seine Frau fortführt. - Willkommen in unserer Kirche!

In den Jahren zuvor, schon seit den frühen 8oer Jahren, war Gert Hummel in Tiflis und Georgien vor allem in seiner Eigenschaft als Universitätslehrer und Koordinator der Zusammenarbeit zwischen der Universität des Saarlandes und der Ivane Djavakhishvili Universität bekannt gewesen. In diesen schwierigen Jahren des Wiedererwachens Georgiens hat er sich große Verdienste um die deutsch-georgischen Beziehungen erworben. Darüber wird noch geredet werden.

Richtig übergesiedelt nach Georgien - ‚mit Sack und Pack’ - sind Gert und Christiane Hummel 1998, im Jahre seiner Emeritierung als Professor. 1995 war der Grundstein für die neue lutherische Kirche in Tiflis gelegt worden; 1997 war sie eingeweiht worden. - Das war genau hundert Jahre nach der Einweihung der großen lutherischen Stadtkirche von Tiflis am jetzigen Mardjanishvili-Platz, die 1946 von deutschen Kriegsgefangenen auf Befehl der sowjetischen Regierung abgetragen worden war.

Im Juli 1999 wählte die Gründungssynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien Gert Hummel zum Bischof; im November wurde er von Erzbischof Kretschmar aus St. Petersburg in sein Amt eingeführt. - Die später immer intensivere Arbeit Gert Hummels an der Wiedergründung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien hatte ihren Anfang schon 1991 genommen. Das Fernsehen hatte die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Ivane-Djavakhishvili-Universität an ihn übertragen und einige deutschstämmige Georgier, Nachkommen der Anfang des 19. Jahrhunderts ins Land gekommenen schwäbischen Siedler, waren zum Hotel gekommen, um ihn zu bitten, nach über fünfzig Jahren erstmals wieder einen ‚richtigen’ lutherischen Gottesdienst zu halten! Der fand dann in einem düsteren, kaputten ehemaligen Kinosaal statt.

Ganz von vorn anfangen musste Gert Hummel, Theologie- und Philosophieprofessor, der vorher nie Gemeindepfarrer gewesen war, nicht. Einige kleine Gruppen von georgien-deutschen Lutheranern hatten sich schon wieder gesammelt, in Tiflis unter Führung des späteren Pfarrers Harry Asikow. - Für Gert Hummel war 1998 der Beginn eines anderen, wiederum ungemein tätigen Lebens: Er war Handwerker, Fahrer, Verteiler von Hilfsgütern, Manager, Prediger, Lehrer, Seelsorger und – auf seinen Reisen in Deutschland auch immer wieder Vortragender und Geldbeschaffer für seine Kirche – alles in einer Person! Sehr bald gründete er zusammen mit seiner Frau das Evangelisch-Lutherische Diakonische Werk in Georgien (ELDWG) mit einem kleinen Altersheim, zwei Armenküchen und dem Angebot medizinischer Versorgung - nicht nur für bedürftige  Gemeindemitglieder, sondern auch für arme Menschen außerhalb der Kirche. - In den Versammlungsräumen aller unserer sieben Gemeinden, von Baku bis Suchumi, hängt sein Bild. Manche, die ihn gekannt und mit ihm zusammengearbeitet haben, bedauern wohl insgeheim, dass es in den Kirchen der lutherischen Reformation keine Heiligenverehrung gibt; für ihn würden sie gern eine Ausnahme machen!

Bischof Malchas Songhulashvili

Ich habe meine Vorvorvorgänger im Amt nicht gekannt. 2004 folgte Bischof Hummel Andreas Stökl nach, und auf ihn folgte 2006 bis 2008 Johannes Launhardt. Überall in unserer Kirche begegnet man den Spuren Gert Hummels, - Spuren, die nicht nur die Erinnerung beleben, sondern auch die Zukunft markieren. Ich freue mich, daß Bischof Malchas Songhulashvili von der Evangelisch-Baptistischen Kirche in Georgien heute hier ist und zu uns sprechen wird. Er ist ein Weggefährte Gert Hummels bei der zwischenkirchlichen Zusammenarbeit, die ja in besonderer Weise auf die Zukunft gerichtet ist. Und ich freue mich, dass auch noch eine der damaligen Konfirmanden Bischof Hummels etwas zu seinem Wirken für die Jugend und über die Erwartungen der Jugendlichen damals an unsere Kirche sagen wird.

Als Gert Hummel begann, sich der verbliebenen georgien-deutschen Lutheraner anzunehmen, rührte ihn wohl das harte Schicksal, das sie durchlebt hatten, auch ganz persönlich. Er interessierte sich für ihre in der Tat spannende Geschichte im südlichen Kaukasus. In drei Jahren begehen wir – zusammen mit dem 500. Jubiläum der Reformation Martin Luthers – den 200. Jahrestag der Einwanderung der zumeist evangelisch-lutherischen Siedler aus Württemberg in Georgien. 1817 verstehen wir auch als das Gründungsjahr unserer Kirche. In Tiflis gab es schon vorher viele Bürger, die als Handwerker, Kaufleute und Künstler aus Deutschland gekommen waren.  Mit der Machtergreifung der Bolschewiken 1921 verließen sie Georgien größtenteils wieder. Die deutschen Bauern in ihren Dörfern um Tiflis aber blieben und wurden 1941 bei Kriegsausbruch fast alle unter sehr schwierigen Umständen, nach Zentralasien deportiert. Nicht viele konnten bleiben oder kamen zurück. Ihnen vor allem wollte Gert Hummel wieder auch eine geistliche Heimat in Georgien geben.

Diese Tat aber fiel zusammen mit dem Beginn neuer Freiheit in Georgien und war selbst ein Teil davon. Die lutherische christliche Konfession ist keine deutsche Angelegenheit, sondern eine Möglichkeit des christlichen Glaubens für alle Menschen. Viele in Georgien, zur Zeit von Gert Hummel und noch danach, sprachen und sprechen dennoch von der „deutschen“ Kirche, wenn sie die Lutheraner meinten. Aber Gert Hummel machte in der Praxis seines Bischofsamtes keinen Unterschied zwischen Gemeindemitgliedern, die sich auf deutsche Vorfahren beriefen, und denen georgischer, armenischer, russischer oder ukrainischer Abstammung. Die von ihm zusammen mit unseren Redakteuren, Dr. Jelena Ilinets und Pastorin Irina Solej, gegründete Kirchenzeitung „Der Kirchenbote“ kommt als wohl einzige Zeitschrift auf der Welt in den drei Sprachen Georgisch, Deutsch und Russisch heraus! 

Allein diese Haltung der Offenheit und Gesprächsbereitschaft, die weit über die eigene, in Georgien bis heute sehr kleine Kirche, hinausreicht, ist evangeliumsgemäß und zukunftsträchtig. Proselytentum ist das nicht, sondern Bemühen um christliche Gemeinschaft! - Nach langen Jahren des Überlebens in kleinen abgeschlossenen Gruppen hat Gert Hummel seiner Kirche Offenheit nach außen, Gastfreundschaft gegenüber allen Menschen guten Willens und Streitbarkeit in der öffentlichen Diskussion gepredigt. Am Erfolg dieser Predigt muß unsere Kirche allerdings in seiner Nachfolge noch weiter arbeiten.

Seminare für leitende Mitarbeiter

Gäste aus der Ukraine, die Pastoren Alexander Gross, Ole Magnus und Vikarin Alexandra Libshtock führten Anfang Juni Seminare im Haus der ELKG in Kwareli und in der Versöh­nungskirche Tbilisi durch für Jugendleiter, Pastoren und Mitarbeiter der Kinderkirche. Ein Schwerpunktthe­ma war der Übergang von der Kinderkirche zum Konfirmandenunterricht.

Erstmals Familienfreizeit

Erstmals fand im Juni eine Familienfreizeit unter Leitung von Pastorin Irina Solej in Kwareli statt. Sechs Mütter – leider keine Väter! - und neun Kinder von 5 – 10 Jahren übten das gemeinschaftliche Leben ein. Ziel war es, den zumeist orthodoxen Eltern Kenntnisse und Glaubenserfahrungen der Lutheraner zu vermitteln, die ihre Kinder in der sonntäglichen Kinderkirche in der Versöh­nungskirche schon einige Zeit erleben und gestalten.